vdää – Rundbrief Nr. 4/2007, 22. Jahrgang

Über den Tellerrand geschaut

Patientiensicherheit.
Beistand bei Behandlungsfehlern

Heute stellen wir die Alexandra-Lang-Stiftung vor, die als gemeinnützige Organisation Betroffenen hilft, Schadensersatzansprüche durchzusetzen. Die Krankenkassen arbeiten bei der Betreuung von Opfern medizinischer Behandlungsfehlers eng mit der Alexandra-Lang-Stiftung zusammen.

 

 

Die 29jährige Sabine K. (Name geändert, Red.) wurde Mitte September 2004 mit Verdacht auf Rheuma bei diffusem Gelenkschmerzen und Abgeschlagenheit in eine Uni-Klinik eingewiesen. Die antinukleären Antikörper erreichten einen Wert von 1:5000. Ohne weitere differentialdiagnostische Maßnahmen war sie drei Tage später wieder zu Hause. Eine ambulante Anbindung an die Poliklinik wurde von den Ärzten nicht veranlasst.

Der Allgemeinzustand der jungen Frau verschlechterte sich von Tag zu Tag. Am 13. Dezember 2004 wurde sie in die Rheumatologie eines Kreiskrankenhauses eingewiesen; am 17. Dezember wurde sie wieder entlassen. Kurz danach lag der Laborbericht vor: die ANA-Werte hatten sich massiv verschlechtert - auf 1:10 240; der dsDNA-Befund war hochpositiv. In der Klinik fanden die Laborwerte keine Beachtung. Im Entlassungsbericht vom 7. Januar 2005 wurde ein neuer Vorstellungstermin für Februar vorgeschlagen. Die pathologischen ANA- und dsDNA-Werte erwähnte der Arztbericht in keiner Zeile. Bereits einen Tag später, am 8. Januar 2005, wurde sie erneut in die Uniklinik eingewiesen mit der Diagnose: Multiorganversagen. Unter intensivmedizinischen Maßnahmen konnte die Patientin stabilisiert werden. Bei einer hochgradigen leuko-cytoclastischen Vaskulitis mit Nekrose der Skelettmuskulatur musste eine beidseitige OS-Amputation vorgenommen werden. Nach vierwöchiger Langzeitbeatmung wurde sie in eine Reha-Klinik verlegt.

Anfang 2006 kam es zu einer erneuten Einweisung in die Uniklinik: Nieren-Insuffizienz. Da endlich, 16 Monate nach ihrer ersten Einweisung, wurde die Diagnose Systemischer Lupus Erythematodes gestellt. Mit dem tragischen Fall befassen sich inzwischen medizinische Sachverständige und Juristen.

Sabine K. ist ein Fallbeispiel aus der Beratungspraxis der Alexandra-Lang-Stiftung (ALS), die durch schwerwiegende Behandlungsfehler geschädigte Patienten unterstützt Viele der hiervon Betroffenen sind körperlich so beeinträchtigt und als Folge davon psychisch so extrem belastet, dass sie sich selbst nicht helfen können. Wie der an den Rollstuhl gefesselten Frau hilft ihnen die 2004 gegründete gemeinnützige Stiftung, ihre Schadenersatzansprüche durchzusetzen. Sie schaltet medizinische Sachverständige ein und vermittelt Fachanwälte; sie betreut jeden Fall so lange, bis alle juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Die Fälle werden der Stiftung von den gesetzlichen Krankenkassen vermittelt, mit denen sie eng zusammenarbeitet. Weil die Krankenkassen die juristischen Interessen ihrer geschädigten Mitglieder nicht wahrnehmen dürfen, müssen die be troffenen Patienten ihre Rechtsansprüche allein durchsetzen. In schwerwiegenden Fällen setzt dann durch Vermittlung der Krankenkassen die Unterstützungsarbeit der ALS ein.

»Die Alexandra-Lang-Stiftung«, sagt K.-Dieter Voß, langjähriger stellvertretender BKK-Chef und seit Oktober Vorstands mitglied im Spitzenverband Bund der Krankenkassen, »hat eine so wichtige Aufgabe übernommen, dass ich die Krankenkassen nur ermuntern kann, den spezifischen Sachverstand der Stiftung besonders in schwerwiegenden und heiklen Fällen zu nutzen.« Voß unterstützt die Arbeit der Stiftung durch seine Mitgliedschaft in ihrem Beirat, in dem die fünf größten Spitzenverbände durch ein Vorstandsmitglied vertreten sind.

Vorsitzender des Beirats ist Prof. Dr Hansjörg Geiger, ehemaliger Staatssekretär im Bundesjustizministerium. »Die Stiftung leistet eine gesellschaftlich wichtige Betreuungsarbeit für Menschen, die dringend auf fremde Hilfe angewiesen sind«, sagt Geiger, »Konzept und Arbeitsweise der Stiftung haben mich so überzeugt, dass ich mich gerne zur Mitarbeit entschlossen habe.«

Von den Aufgaben der Stiftung zur Mitarbeit animiert fühlt sich auch Klaus Kirschner, langjähriger Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Gesundheit. Als er im Herbst 2005 aus politischen Gründen nicht mehr für den Bundestag kandidierte, trat er spontan dem ALS-Vorstand bei. »Hinter den von der Stiftung betreuten Fällen«, sagt Kirschner, »verbirgt sich manches menschliche Drama. Ich bin froh darüber, dass wir diesen Menschen helfen können, damit sie wenigstens ihre finanziellen Ansprüche für ihren häufig irreparablen gesundheitlichen Schaden durchsetzen können.«

Zu danken ist das der Stifterin Ilse Lang. Sie ist Mitinhaberin der Renolit-Gruppe, dem größten europäischen Hersteller von Kunststoff-Folien. Die Unternehmerin hat mit Hilfe ihres Privatkapitals die Stiftung ins Leben gerufen. Sie trägt den Namen ihrer Tochter Alexandra Lang, die im Jahre 2000 nach der Infusion einer Kochsalzlösung mit Vitaminkomplexen und Spurenelementen im Alter von 30 Jahren an den Folgen einer Sepsis durch Citrobakter gestorben ist. Die von Frau Lang und dem Landgericht eingeschalteten Gutachter sind sich einig darin, dass todesursächlich die offensichtlich verunreinigte Infusionslösung war. Auf Basis dieser Gutachten wird das Gericht nun über den Fall entscheiden.

Den Verlust ihrer Tochter hat Ilse Lang auch nach sieben Jahren nicht verwunden. Ein sinnloser Tod, verursacht durch eine Infusion, deren therapeutischer Nutzen in der seriösen Medizin seit langem als höchst zweifelhaft gilt. Diese Tragödie war für Frau Lang der Auslöser zur Gründung der Stiftung. »Wir können nur in Einzelfällen helfen«, sagt die Stifterin in dem Bewusstsein, dass die ALS in diesem Bereich zwar einen wichtigen, im Vergleich zur Gesamtzahl der Fälle aber eher bescheidenen Beitrag leisten kann. Auf rund 175 000 Fälle jährlich schätzt das »Aktionsbündnis für Patientensicherheit« die Zahl der Behandlungsfehler allein im stationären Bereich. Etwa 17 500 davon enden tödlich. (Im Vergleich: 5 361 Menschen starben 2005 im Straßenverkehr).

Jeder von der Stiftung übernommene Fall wird medizinisch und juristisch penibel analysiert, um alle denkbaren Chancen für Schadenersatzansprüche zu nutzen. Selbst vorliegende medizinische Gutachten werden auf ihre Plausibilität geprüft »Sorgfalt geht uns vor Masse«, sagt Frau Dr. Ulrike Zunker, die Ärztin der Stiftung, »aus diesem Grunde konzentriert sich die ALS auf die wirklich schwerwiegenden Fälle.«

Nicht selten erleben geschädigte Patienten nach denn medizinischen auch noch ein juristisches Desaster, weil ihre Ansprüche nicht rechtzeitig und oft unvollständig geltend gemacht werden. Die ALS-Mitarbeiter haben derartige Fälle häufiger erlebt, sie arbeiten daher nur mit qualifizierten Fachanwälten zusammen. Als problematisch erweist sich mitunter die Suche nach einem unabhängigen medizinischen Sachverständigen. Denn so manches Zivilverfahren endet mit einer den Patienten benachteiligenden Entscheidung, gefällt auf der Basis eines vom Gericht bestellten neutralen Gutachtens. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mancher der medizinischen Sachverständigen sich aus Rücksicht auf den eines Behandlungsfehlers beschuldigten Kollegen um eine klare Aussage herumdrückt oder ihn sogar offensichtlich schützt.

Das Risiko einer Rücksichtnahme besteht vor allem in kleineren medizinischen Fachdisziplinen, in denen sich die für ein Gutachten in Frage kommenden Professoren gut kennen und sich häufig auf Kongressen oder sonstigen Veranstaltungen begegnen. Die Mitarbeiter der Stiftung haben in den von ihnen bearbeiteten Fällen mehrfach erfahren müssen, dass ein von einem Gericht oder einer Schlichtungsstelle bestellter Gutachter mit dem Kollegen, der im Verdacht eines Behandlungsfehlers stand, in einem medizinischen Gremium oder Ausschuss eine enge Zusammenarbeit pflegte und/oder ihm durch gemeinsame Veröffentlichungen verbunden war.

Im Fall Sabine K. wird sich daher die ALS im Ausland nach einem Gutachter umsehen, um in diesem äußerst schwerwiegenden Fall von vornherein eine die Patienten benachteiligende Bewertung der medizinischen Abläufe zu vermeiden. Derartige Probleme hat die Stiftung veranlasst, sich in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen verstärkt für die Berufung medizinischer Sachverständiger einzusetzen, deren Ruf als unabhängige Gutachter unzweifelhaft ist.

Die ALS setzt sie sich ferner für eine verbesserte Fehlererkennung sowie für eine Optimierung der medizinischen und juristischen Aufarbeitung der Fälle ein. Sie tritt zudem ein für die Bildung eines Fonds nach österreichischem Vorbild, der unabhängig von Schuldfragen und Gerichtsentscheidungen Patienten unterstützen soll, die nach einem medizinischen Eingriff schwere gesundheitliche Schäden davongetragen haben und dadurch an der beruflichen Ausübung teilweise oder vollständig gehindert sind. Finanziert werden könnte der Fonds beispielsweise durch einen zusätzlichen Beitrag aller Versicherten in Höhe von monatlich einem Euro.

Außerdem will die Alexandra-Lang-Stiftung durch gezielte Lobbyarbeit das Augenmerk verstärkt auf die von vielen Patienten als unerträglich lange empfundene Verfahrensdauer von Arzthaftungsprozessen lenken, die sich nicht selten über einen Zeitraum von über einem Jahrzehnt erstrecken. Prof. Geiger: »Das ist einfach nicht zumutbar. Mancher geschädigte Patient erlebt das Ende seines Verfahrens nicht oder stimmt aus Verzweiflung einem für ihn ungünstigen Vergleich zu. Da müssen wir Verbesserungen erreichen.«

Richard Rickelmann, Vorstandsmitglied der Stiftung

 
Die Alexandra-Lang-Stiftung
Die als gemeinnützig anerkannte Alexandra-Lang-Stiftung besteht seit Januar 2004. Ihr Zweck ist die Beratung und Unterstützung von Patienten, die Opfer von ärztlichen Behandlungsfehlern, Arzneimittel- und Medizinproduktschäden geworden sind. Die Unternehmerin Ilse Lang hat mit Hilfe ihres Privatkapitals die Stiftung ins Leben gerufen und nach ihrer Tochter Alexandra benannt, die im Jahr 2000 überraschend gestorben war.
Die Stiftung verzichtet bewusst auf eine öffentliche Darstellung im Internet, damit die Mitarbeiter nicht mit Patientenanfragen überflutet werden. Der Erstkontakt zu den Patienten erfolgt nur über die Krankenkassen.

Quelle:
vdää – Rundbrief Nr. 4/2007, 22. Jahrgang

   

>>zur Presseseite der Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte

 

 

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